Ernährungsarmut: Wenn der volle Magen zum Luxus wird

Es war Mitte der 60er Jahre und ich noch ein kleiner Junge, als regelmäßig ein älterer Mann bei uns klingelte und nach Essen fragte. Meine Mutter hatte ihm dann immer vom fertigen Mittagessen eine Mahlzeit gereicht, die er im Mantel und in leicht gebeugter Haltung am Küchentisch sitzend schnell aß. Ich konnte das als Kind überhaupt nicht verstehen: Jemand fragt nach Essen, weil er Hunger hat! Schließlich litten wir keine Not. Auch wenn das Geld sehr knapp war, gab es immer genug zu essen.

Jetzt, 60 Jahre später, gibt es keinen Hunger mehr in Deutschland. Doch Armut hat viele Gesichter und eines der unscheinbarsten ist die Ernährungsarmut. Sie bedeutet nicht zwangsläufig, dass Menschen gar nichts zu essen haben, sondern, dass sie sich eine gesunde, ausgewogene Ernährung nicht leisten können.

 

Was heißt Ernährungsarmut?

Ernährungsarmut hat nichts mit Hungern zu tun. Aber Ernährungswissenschaftler und Ärztekammern beschreiben drei wichtige Aspekte, mit denen Betroffene zu tun haben:

  • Es gibt einen Mangel an Quantität: Das Geld reicht einfach nicht für drei Mahlzeiten am Tag. 8,3 % der Bevölkerung geben an, sich nicht jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten zu können.
  • Es gibt einen Mangel an Qualität: Aus Geldmangel werden eher billige, hochkalorische Lebensmittel (z.B.: Fertigmahlzeiten, Nudeln, Toast) konsumiert als frisches Obst, Gemüse und Fleisch. Die Folge ist eine „Fehlernährung bei vollem Bauch“.
  • Ernährungsarmut führt zu sozialer Ausgrenzung: Wer Freunde nicht zum Essen einladen kann oder mit ihnen nicht Essen gehen kann, erlebt soziale Isolation.

Ein Hauptgrund ist offensichtlich: Geldmangel. Armutsbetroffene haben nach Abzug von Miete und Strom nur noch wenig Geld für Lebensmittel zur Verfügung. Und das in einer Zeit, in der die Lebensmittelpreise seit 2020 um 37% gestiegen sind!!!

Im gleichen Zeitraum stiegen die Sätze für das Bürgergeld aber nur um 30%. Damit wird es Vielen unmöglich, sich gesund zu ernähren. Experten schätzen, dass ca. 3 Millionen Menschen in Deutschland von Ernährungsarmut betroffen sind. Besonders trifft sie Kinder, Alleinerziehende und RentnerInnen.

Weitere Gründe sind Zeit und Wissen. Wer in prekären Verhältnissen lebt, hat mehrere Jobs oder arbeitet unter hohen psychischem, körperlichen und zeitlichem Stress. Es fehlt an Zeit zum Kochen. Außerdem fehlt oft die Kenntnis, sich gute Mahlzeiten zu zubereiten.

Die Folgen sind schwerwiegend. Ernährungsarmut korreliert stark mit chronischen Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders gravierend ist die Situation bei Kindern: Mangelernährung in der Wachstumsphase beeinträchtigt nicht nur die körperliche Entwicklung, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit. Das hat Folgen auf die Bildungschancen. So verfestigt schlechtes Essen soziale Ungleichheit über Generationen hinweg.

 

Was muss sich ändern?

Die rasante Zunahme der Zahl Hilfesuchender bei den Tafeln zeigt, dass das staatliche Sicherungssystem bei der Armutsbekämpfung Lücken aufweist. Inzwischen haben sogar ein Drittel aller Tafeln wegen des Andranges Wartelisten eingerichtet.

Ein Lösungsansatz ist: Entlastung bei den Kosten für gesunde Lebensmittel, etwa durch Streichung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel, Obst und Gemüse. Auch ein kostenloses, qualitativ hochwertiges Mittagessen in Schulen wäre ein entscheidender Hebel, um Ernährungsarmut bei Kindern wirkungsvoll zu bekämpfen.

 

Fazit:

Ernährungsarmut ist ein strukturelles Problem und kein individuelles Versagen. In unserer Gesellschaft des Überflusses sollte der Zugang zu gesunder Nahrung kein Privileg des Geldbeutels sein, sondern ein Grundrecht für alle.

 

Ein Beitrag von Florian Müller-Goldenstedt, Armutsbeauftragter des Synodalverbandes Nördliches Ostfriesland der Ev.-ref. Kirche im Gemeindebrief Nr. 6

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